Stufenausbildung für Atemschutzgeräteträger

Durch verschiedene Unfälle und Beinaheunfälle in der Vergangenheit und die Berichte in den Fachmedien, vgl. http://www.atemschutzunfaelle.eu , wurde die Atemschutzausbildung intensiviert. Es entstand in Anlehnung an die Ausbildung verschiedener Feuerwehren ein vierstufiges Model der Atemschutzgeräteträgerausbildung. Wichtig ist hierbei zu sagen, dass dies nicht enorme zeitliche Reserven der einzelnen Feuerwehrangehörigen (FA) bindet. Es sollte ein Mehraufwand von nicht mehr wie 2 Tagen im Jahr durchgeführt werden.

Die Stufe eins …ist weiterhin der unverzichtbare Atemschutzgeräteträgergrundlehrgang nach Feuerwehrdienstvorschrift 2/1 auf Kreisebene, in diesem Lehrgang werden die Grundbausteine der Atemschutzausbildung gelegt. Diese sind im kurzen Überblick: Grundlagen der Atmung, Atemgifte, Einführung in die Gerätetechnik, Gerätehandling, Einsatzgrundsätze Atemschutz, Verhalten in Notsituationen,  Arbeiten unter definierter Belastung.
  
 Belastungsübung       
 Gerätehandling in beengten Räumen

Nach dieser Stufe wurden die Atemschutzgeräteträger bisher in den Einsatzdienst übernommen.
Es wurde wenig bis keine Ausbildung in den Bereichen Absuchen von Räumen, Orientierung unter Nullsicht, Hohlstrahlrohrtraining, richtiges Vorgehen im Innenangriff, taktische Vorgehensweise im Innenangriff, Schlauchvornahme/Schlauchmanagement, Notfalltraining wie es in der Feuerwehrdienstvorschrift 7 gefordert ist, Wärmegewöhnung in einer gasbefeuerten Übungsanlage und Wärmegewöhnung bzw. erkennen von gefährlichen Brandphänomenen in einer feststoffbefeuerte Realbrandausbildung unter definierter Belastung durchgeführt.

Die Stufe zwei - ist neu und anstrengend - denn hier werden die vorstehenden als fehlende Grundelemente aufgeführten Dinge beübt.
Der drillmässige Umgang mit dem Hohlstrahlrohr (HSR), das unser Basiswerkzeug zur Brandbekämpfung ist.
Wie oft wird im Bereich Technischer Hilfeleistung an Schneidtechniken gefeilt, doch bei einem Brand wird entweder mit dem formstabilen Schlauch in den Innenangriff gegangen, oder man übt mit dem HSR nur das Öffnen und Schließen.
Sinn der Drillausbildung ist das blinde Beherrschen des Handwerkzeugs Hohlstrahlrohr, damit auch nachts um drei der Umgang sicher beherrscht wird. Auch technische Innovationen werden bei entsprechender Anwendung bisweilen hinfällig. Ein anwendbares HSR muss nicht unbedingt 500 Liter im Innenangriff leisten können, sollte aber unter Nullsicht eindeutig justierbar und bedienbar sein. Argumente des Marktes und des Anwenders sind bei solchen Übungen nicht unbedingt Übereinstimmend.


Flashoverreflex, seitliches Fallenlassen und gleichzeitiges Öffnen des Hohlstrahlrohres mit maximalem Sprühwinkel

 Vorgehen im Seitenkriechgang
 
Durchführen eines Temperaturchecks
 
Darstellung Drehung Flashoverreflex, der Pointer im weißen Kreis bleibt immer auf der „12 Uhr Stellung“, das heißt dieser wird nicht bewegt.

Das taktisch richtige Vorgehen, das kräfteschonende Nachführen von Schlauchmaterial, die Kollegenrettung, das systematische Absuchen von Räumen, auch unter Stresssituationen mit vielseitig eingebauten Schwierigkeitsgraden, dienen zur Vertiefung des im Grundlehrgang erlernten Stoffes.

 
Absuchen von Räumen


 
Nachführen eines Schlauches mittels Loop


 
Kriechstrecke mit eingebauten Hindernissen

Nicht zuletzt wird das Erkennen von Notsituationen und das richtige Absetzen eins Notrufes geübt.
Gerade wenn man sich die Unfallberichte aus Göttingen, Ibbenbüren und Tübingen ansieht, wo unter anderem der Notruf nicht sofort wahrgenommen und Teilweise unvollständig abgesetzt wurde.
Das Thema Kollegenrettung wird bewusst ohne Hilfsmittel ausgebildet. Ziel muss unbedingt die schnelle Stabilisierung der Lage und das Retten aus dem Gefahrenbereich sein. Zuviel Beiwerk verleitet zum Spielen. Dem Atemschutzgeräteträger soll das schnelle und effektive Handeln beigebracht werden.
  
Auffinden und Bodycheck Rettung über Etagen ohne Hilfsmittel

Auch in dieser Stufe werden erste Übungen zum Thema Brandbekämpfung gemacht.  So wird an der Flashoverbox das Brandverhalten in geschlossenen Räumen gezeigt.  Ebenso sich verändernde Rauchvolumina/-farben/-geschwindigkeiten je nach Sauerstoffgehalt im Brandraum.
Des Weiteren werden auch Übungen zur taktischen Brandbekämpfung an einem maßstabsgerechten Feuer  (unbehandeltes Palettenholz) gezeigt (D-Rohr reduziert auf 5 Liter/min mit 10 Paletten…).
Hintergrund: der Strahlrohrführer soll lernen, das Löschmittel effektiv einzusetzen um Wasserschäden zu vermeiden.

 
Intakte Dächer weisen Wasser ab, Anwendung der dynamischen Strahlrohrführung


Flashoverbox: links Darstellen von Sauerstoffmangel im Brandraum

  
Rauch brennt…….Modell…..                                   
 …….und Wirklichkeit

Die dritte Stufe ist die Wärmegewöhnung in einer gasbetriebenen Übungsanlage, in  diesem Baustein werden die jeweiligen taktischen Vorgehensweisen und  die Kommunikation im Trupp und über Funk während der Vorgehensweise vertieft.  Die in der zweiten Stufe ausgebildeten Elemente kommen hier, in Verbindung mit dem ersten Kontakt mit Feuer und Wärme zum Tragen. Hier müssen die Bausteine zusammen angewendet werden.
Im Südlichen  Landkreis Ludwigsburg wird hier auf ein Angebot des Landkreises Böblingen zurückgegriffen, welcher seit einigen Jahren an zwei Standorten (Gäufelden und Leonberg) eine Mobile Übungseinrichtung zur Brandbekämpfung organisiert. Ein speziell geschultes Ausbilderteam übernimmt die Vorbereitung der Teilnehmer in der Theorie, und begleitet sie auch bei den Durchgängen in der Anlage, so das bei taktischen Fehlern direkt reagiert werden kann.

 
 Die Stufe zwei ist mit den Ausbildungsinhalten der Stufe drei abgestimmt und greift stimmig ineinander.

Die vierte Stufe wird als feststoffbefeuerte Realbrandausbildung oder Training für das Verhalten im InnenAngriff (TVIA)  bezeichnet. Hier geht es um die Brandbekämpfung als Ganzes. In dieser Stufe lernen die Feuerwehrangehörigen (FA) während eines eintägigen praktischen Seminars die verschiedenen Stadien der Brandentwicklung, von der Brandentstehung, über das Ausgasen der Pyrolysegase bis hin zum vollentwickelten Zimmerbrand. Ziel ist es den FA im Umgang mit seiner Schutzausrüstung dahingehend zu sensibilisieren, das die „neue“ Schutzkleidung nicht zum weiter vorgehen, sondern als Schutz um bei einem plötzlich auftretenenden  Brandereignis weiterhin für eine kurze Zeit geschützt zu sein, genutzt wird. So kann der Atemschutzgeräteträger den sogenannten „kritischen Bereich“ einer Einsatzstelle kennen lernen, und die Schutzreserve seiner PSA richtig einschätzen lernen. Weitere sehr lehrreiche Punkte sind das Erkennen  der Anzeichen einer schnellen Brandausbreitung (Rauchdurchzündung, Flashover), Temperaturschichtungen im Brandraum, richtiges charakterisieren der Rauchfarbe und Geschwindigkeit.
Anwenden der bei Stufe 2 gelernten Hohlstrahlrohrtechniken, um die Wirkungsweise unterschiedlicher Wassermengen im heißen Brandrauch/-raum zu erleben.

 
Innenangriffsübung mit echtem Rauch..

Haben die FA diese vier Ausbildungsstufen durchlaufen sind sie eindeutig besser auf das Einsatzgeschehen vorbereitet.
Bedingt durch geänderte, mittlerweile fast hochisolierende Bauweisen und frühzeitigere Alarmierung durch das Mobiltelefon, treffen wir heute zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt an Einsatzstellen ein.
Würden noch vor 20 Jahren entweder Kleinstbrände oder Vollbrände angetroffen…..so ist es heute eher in dem Bereich vom Übergang Entstehungsbrand zum Vollbrand, genauer gesagt zum wahrscheinlichen Zeitpunkt der schnellen Barndausbreitung (Flashover).  Beispielsweise der Unfall in Untergrombach am 7. Dezember 2002, zeigt diese Veränderungen deutlich auf.

Neben der Feuerwehr Möglingen hat die Feuerwehr aus Korntal-Münchingen ebenfalls dieses Ausbildungskonzept eingeführt, da die Verantwortlichen sich in der Pflicht sehen, jede sich bietende Ausbildungsmöglichkeit wahrzunehmen, um die Einsatzkräfte bestmöglichst auf den Einsatz vorzubereiten.
Das dies nicht zu 100% möglich ist, sei an dieser Stelle unbestritten, aber sich erst Erfahrung aus der Praxis holen zu müssen ist sicherlich nicht der richtige Weg.
Wie so oft ist auch hier die Finanzierung der Ausbildung ein Thema.  Ausbildung kostet Geld, und das wird leider in absehbarer Zeit nicht mehr werden.  Aber auch hier kann mit einem sinnigen Konzept gearbeitet und geplant werden.
So müssen  nicht alle Atemschutzgeräteträger auf einmal in eine Heissausbildungsanlage, über einen definierten  Zeitraum hinweg lässt sich jedoch manches realisieren.
Auch kann bei technischen Beschaffungen  im Hinblick auf die vielgepriesene interkommunale Zusammenarbeit mancher Euro  eingespart werden, welcher der Ausbildung zugute kommt. Ebenfalls können verschiedene Elemente dieses Konzeptes gemeinsam Ausgebildet und Synergien genutzt werden.

Die Feuerwehren Möglingen und Korntal Münchingen haben mit diesem Konzept bislang sehr gute Erfahrungen gemacht.  Wie eingangs beschrieben, hält sich durch gute Abstimmung innerhalb des Dienstplanes der zeitliche Mehraufwand in Grenzen.  Die Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Ausbildung wurde mittlerweile vollständig von den Atemschutzgeräteträgern erkannt und akzeptiert.


Denn: einen Grundsatz  sollten wir uns  immer vor Augen halten:

 Es ist der Mensch, welcher das Feuer löscht, nicht die Technik

Hansi Stellmacher Feuerwehr Korntal Münchingen (info@blumen-stellmacher.de)
Tobias Burgard Feuerwehr Möglingen (tobiasburgard@web.de)

31.12.2011

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